Das Wichtigste in Kürze
- Höhere Beleihungsausläufe und damit größere Refinanzierungsrisiken treten in Deutschland vor allem in den Segmenten Logistik und Wohnen auf — Folge auslaufender Entwicklungskredite der Jahrgänge 2020 und 2021, deren Businesspläne auf niedrigen Spitzenrenditen aufbauten, die sich seit den Zinserhöhungen deutlich ausgeweitet haben.
- Im gesamteuropäischen Kontext entfällt rund 40 Prozent der Finanzierungslücke auf den Bürosektor, getrieben durch strukturelle Nachfrageveränderungen und Bewertungsrückgänge.
Die deutsche Gewerbeimmobilienbranche steht 2026 vor einer Welle auslaufender Finanzierungen, die leiser daherkommt als ein Crash, aber strukturell mindestens ebenso folgenreich ist. Kredite, die in der Niedrigzinsphase zu hohen Bewertungen und niedrigen Spitzenrenditen abgeschlossen wurden, laufen aus und müssen in einem Umfeld höherer Zinsen, niedrigerer Beleihungsausläufe und vorsichtigerer Banken refinanziert werden. Die entstehende Lücke zwischen alter und neuer Finanzierung — die Finanzierungslücke — ist das zentrale Thema des Jahres für Kapitalgeber wie für Eigentümer.
Die Maturity Wall trifft auf vorsichtigere Banken
In Deutschland ist Fremdkapital teurer geworden, die Beleihungsausläufe sind niedriger und die Banken gehen in ihrer Kreditvergabe deutlich vorsichtiger vor. Das wirkt sich unmittelbar auf die Investitionstätigkeit aus: Leverage-getriebene Renditen sind schwerer zu erzielen, und Refinanzierungsrisiken rücken in den Vordergrund — besonders bei Objekten, die zu Höchstpreisen erworben wurden. Diese Einschätzung teilt der Marktausblick von Commercial Property für Deutschland 2026.
Die internationale Anwaltskanzlei Reed Smith beschreibt die 2026er-Welle als Mischung aus Herausforderung und Chance: Wo Eigentümer und Kreditgeber konstruktiv verhandeln, lassen sich Lösungen finden; wo das nicht gelingt, drohen Notverkäufe und Übernahmen durch Kreditgeber. Der Mechanismus ist klar: Ein 2020 zu 60 Prozent Beleihungsauslauf auf einen damaligen Wert abgeschlossener Kredit kann bei einem heute um 20 bis 30 Prozent gesunkenen Marktwert faktisch über 80 Prozent des aktuellen Werts liegen — und ist damit zu den neuen, strengeren Konditionen nicht mehr darstellbar.
Wo die Lücke am größten ist
Die Refinanzierungsschwierigkeiten verteilen sich nicht gleichmäßig. Höhere Beleihungsausläufe und damit größere Refinanzierungsrisiken treten in Deutschland vor allem in den Segmenten Logistik und Wohnen auf — Folge auslaufender Entwicklungskredite der Jahrgänge 2020 und 2021, deren Businesspläne auf niedrigen Spitzenrenditen aufbauten, die sich seit den Zinserhöhungen deutlich ausgeweitet haben. Was als sichere Wette auf weiter sinkende Renditen kalkuliert war, ist heute eine Finanzierungslücke.
Insgesamt stehen in Deutschland rund 16 Prozent der zwischen 2017 und 2024 vergebenen Kredite vor Refinanzierungsschwierigkeiten — primär in büro-lastigen Portfolios. Im gesamteuropäischen Kontext entfällt rund 40 Prozent der Finanzierungslücke auf den Bürosektor, getrieben durch strukturelle Nachfrageveränderungen und Bewertungsrückgänge. Die GRI Institute sprechen vom neuen Paradigma der Immobilienfinanzierung in Europa: Die Lücke zwischen der Kreditvergabekapazität der Banken und dem Refinanzierungsbedarf ist substanziell — und sie schafft Raum für alternative Kapitalgeber.
Banken halten still, alternative Geldgeber rücken vor
Bemerkenswert ist, wie geräuschlos die Welle bislang verläuft. Statt einer Verkaufsflut dominiert das Prinzip „Extend and Pretend": Banken verlängern auslaufende Kredite, restrukturieren Konditionen und vermeiden die Verwertung — auch um eigene Wertberichtigungen hinauszuzögern. Diese Strategie kauft Zeit, löst aber das Grundproblem nicht; sie verschiebt es. CRE Daily dokumentiert, dass die Volumina auslaufender Finanzierungen 2026 steigen und der Druck zunimmt.
In die Lücke, die regulierte Banken hinterlassen, stoßen Debt Funds, Versicherer und alternative Kreditgeber. Sie bieten Whole-Loans, Mezzanine- und Preferred-Equity-Strukturen, die die Finanzierungslücke schließen — zu höheren Margen, aber mit der Flexibilität, die Banken nicht mehr bieten. Parallel beobachtet S&P Global Ratings, dass der europäische Covered-Bond-Markt eine Erholung im Gewerbeimmobilienbereich ins Auge fasst — ein Zeichen, dass sich die Finanzierungskanäle langsam wieder öffnen.
Vom Risiko zur Gelegenheit
Die Refinanzierungswelle ist kein gleichmäßiger Tsunami, sondern eine über mehrere Jahre gestreckte Abfolge von Einzelfällen. Genau das macht sie für vorbereitete Marktteilnehmer zur Chance. Die strukturierte Übersicht von Principal Real Estate zeigt, dass das größte Volumen auslaufender Finanzierungen erst in den kommenden Jahren anrollt — wer jetzt Kapital und Strukturierungskompetenz aufbaut, positioniert sich für die wertvollsten Einstiege.
Drei Stoßrichtungen zeichnen sich ab: Erstens die Bereitstellung von Rescue-Capital und Junior-Debt für grundsätzlich solide Objekte mit Finanzierungslücke. Zweitens der Erwerb von Krediten oder Objekten dort, wo Banken die Verwertung nicht länger aufschieben können. Drittens die selektive Übernahme notleidender Entwicklungsprojekte in Logistik und Wohnen, deren ursprüngliche Businesspläne gescheitert sind, deren Fundamentaldaten aber intakt bleiben.
Was dies für Principals bedeutet: Die Refinanzierungswelle 2026 belohnt Liquidität, Geduld und Strukturierungskompetenz. Eigentümer mit auslaufenden Finanzierungen sollten frühzeitig — idealerweise zwölf bis achtzehn Monate vor Fälligkeit — das Gespräch mit Kreditgebern suchen und alternative Kapitalquellen wie Debt Funds und Mezzanine aktiv prüfen, statt auf eine Bankverlängerung zu vertrauen, die nicht garantiert ist. Kapitalgeber wiederum finden in der Lücke zwischen Bankkapazität und Refinanzierungsbedarf eines der attraktivsten risikoadjustierten Felder des Zyklus — vorausgesetzt, sie unterscheiden sauber zwischen Objekten mit reiner Finanzierungslücke und solchen mit echtem strukturellem Nachfrageproblem.
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